Pressemitteilung

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Badische Zeitung vom Dienstag, 18. September 2007

Autorin des Artikels ist Martina Seiler, der wir herzlich für die Nachdruckgenehmigung danken.

Kunst als stets wandelndes Werk

Horst Peter Schlotters Werke im Kunstforum Hochschwarzwald und im Rathaus in Neustadt weisen über den Augenblick hinaus

TITISEE-NEUSTADT.
Autopoiesis - ein der Biologie entliehener griechischer Ausdruck für sich selbst erschaffende und steuernde Lebenssysteme - als Thema für ein Ausstellung zu verwenden, bedeutet für sich schon einen Prozess, der über das Werden, Ausstellen und Betrachten hinausgeht. Einen Prozess ohne Ende. Diesem Impuls des Werdens und Veränderns verhalf Helmut G. Schütz in seiner Einführungsrede zur Vernissage mit Werken von Horst Peter Schlotter am Freitagabend im Kunstforum Hochschwarzwald immer wieder zur Bewusstwerdung.


Auch beim Künstler Horst Peter Schlotter (links) und beim Einführenden Helmut G. Schütz zeigt sich, wie Kunstwerke über ihre Entstehung hinaus wirken.
FOTO: MARTINA SEILER

Gegenstände des Alltags zeichnen sich durch reine Nützlichkeit aus. Kunst geht aber darüber hinaus. Wenn der Mensch sich unvoreingenommen offen der Wahrnehmung hingibt und dann auch noch traut - trotz aller Risiken der Beobachtung oder gar der Be- und Ver urteilung durch Dritte -, sich mit seinen Mitteln zu äußern, sei es nun mit Materie, Tönen oder Worten, wird aus dem Mensch ein Künstler, aus dem Ton-, Text- oder Bildwerk ein Kunstwerk.
Wie auf dem Gebiet der Biologie, der Lehre des Lebendigen, so in der Kunst. Das künstlerische Werk ist niemals etwas Statisches: Während des Entstehens verwandelt es die Einzelbestandteile zu einem Ganzen, lässt bisher Unbewusstes bewusst werden, verwandelt auch den Künstler, so dass während des Entstehens des Werkes gleichsam der Künstler sich selbst erzeugt.


Eines der sechs Digi-Prints "Roll Over Rrose"
FOTO: MARTINA SEILER

An diesem Prozess des Werdens und Veränderns teilzuhaben, sind die Besucher der Ausstellung eingeladen. Nicht Beobachter sein, nicht deuteln, was der Künstler wohl ausdrücken wollte. Vielmehr gilt es, sich selbst unvoreingenommen zu öffnen - wie ehemals der Künstler während des Entstehens des Werkes; das will meinen, offen zu sein, was das Werk einem persönlich sagen will, was es einem bedeutet, welche Erinnerungen, Bilder, Melodien und Gefühle es wachruft. Dieses Prinzip des miteinander schöpferisch Tätigseins kann in allen Werken nachvollzogen werden. Sei es bei den großflächigen Werken "Nachtrag zu Linné II und III", die nicht nur Bezüge zu Linné herstellen, dem Erfinder des Bezeichnungssystems von Tieren und Pflanzen, sondern auch zum Gedicht Günter Kunerts, der sich mit der Gesellschaft als System befasst. Oder die drei kleinformatigen Gemälde "Pflanzenwesen", die der symbiotischen Verquickung von Pflanzlichem und Menschlichem auf die Spur kommen. Oder die sechs Digi-Prints "Roll Over Rroses". Um den Namen verstehen zu können, muss man einiges wissen. Die Bilder beruhen auf vergrößerten Collagen und Mischtechniken Schlotters, die auf Bildausschnitten Marcel Duchamps "Großem Glas" entstanden sind. Sie treten in Bezug zu den gegenüberstehenden fünf Stelen "Stèle Malic", die wiederum in Beziehung stehen zu den "Moules Malic", einem Detail aus dem "Großen Glas". Marcel Duchamps Pseudonym war "Rrose Selavy". Artikuliert man das doppelte "R-r" und spricht den Namen französisch aus, so hören wir die richtige Bedeutung: Eros - ce la vie. Damit ist aber nicht die einfache Nachfolge im Sinne des Dada-Künstlers gemeint, sondern vielmehr fügt Schlotter der Vitalität und der Erotik im Roll-Over eine wilde, ekstatische Kraft hinzu und gewinnt damit Entfernung zu Duchamp und bildet gleichsam ein neues Gegenüber zu dem meditativen Gemälde "Still".

Fazit: Jedes bewegt und bedingt jenes, jenes ist in jedem, jedes in jenem - ein Kreislauf, aber nicht geschlossen, sondern offen.

Die Ausstellung "Autopoiesis" von Horst Peter Schlotter ist bis zum 07. Oktober 2007 in der Salzstrasse 16 in Neustadt zu sehen. Öffnungszeiten sind Freitag, Samstag und Sonntag von 16 bis 18 Uhr.

--- Ende der Pressemitteilung ---



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